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Die Sonntage nehmen in meinen Erinnerungen einen besonderen Platz ein. Gleich nach ihrer Rückkehr hatten mein Vater und meine Mutter ein sogenanntes “Korn’sches Sonntagsgesetz” verkündet, um das mich viele meiner Schulfreunde glühend beneideten. Es lautete:
Hausarbeit und Schulaufgaben werden wochentags erledigt! Sonntags nie!
Zu viele kostbare Jahre waren vergangen. Jetzt musste jede Minute doppelt genutzt werden! An den Werktagen gab es nie genug freie Zeit. Es hieß also die Sonntagszeit “auszubeuten”, sie nicht zu vertrödeln oder gar zu vertreiben. “Wie kann man etwas so Wertvolles nur ‘vertreiben’ wollen?!" erzürnte sich mein Vater über das unsinnige Wort.
Jeder Sonntag war uns - bei welchem Wetter auch immer - ein kleines Fest. Das fing in früher Morgenstunde an, war aber nicht gleichbedeutend mit “Frühaufstehen”. Für mich gab es morgens nichts Schöneres, als mich auf der breiten Schlafcouch zwischen den beiden einzukuscheln. Dann wurde stundenlang erzählt, gesungen, gereimt und gelacht. Da das anschließende Frühstück meist erst in der Mittagsstunde endete, entfiel langes Stehen in der Küche, nur um ein Mittagessen vor- und nachzubereiten.
Mein Vater hatte in seiner Kindheit niemals Märchen und Geschichten gelesen oder zu hören bekommen. Also lauschte er den Erzählungen meiner Mutter nicht weniger gespannt und begeistert als ich.
Irgendwann nach dem Anhören so vieler wunderbarer Geschichten sprudelte
seine Phantasie förmlich über, und er dachte sich für uns eigene Geschichten
aus. Manchmal erfand er sie aber auch im Laufen, während unserer häufigen
Ausflüge ins nahe Elbsandsteingebirge. Herrliche Märchen! Oft ungewöhnlich
skurril, manchmal todtraurig, oft aber auch zum Lachen. Ihre Besonderheit
erhielten
durch den bilderreichen und schier unerschöpflichen Wortschatz meines
Vaters. Dazu kam seine schauspielerische Gestaltungskraft und seine
faszinierende Stimme.
‘Schade’ - habe ich später oft gedacht - dass es damals noch keinerlei Technik gab, mit der man das Einmalige solcher Erzählungen hätte festhalten können.
So bleiben nur die Erinnerungen.